Konkrete Kunst
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war eine umfassende Neuorientierung der Kunst zu beobachten, die zu einer radikalen Absage an alle hergebrachten künstlerischen Ausdrucksformen führte. Ebenso wie die Architekten der Klassischen Moderne, die mit ihren lichten, geometrischen Gebäuden die klassische Architektursprache überwanden, wollten sich auch die Konkreten Künstler von jeder Tradition lösen und zu einer neuen Kunst gelangen, die keinerlei Bezug zur außerkünstlerischen Wirklichkeit und zur traditionellen Malerei besitzt. Der niederländische Künstler Theo van Doesburg war der Urvater der Konkreten Kunst und Motor dieser neuen Bewegung. 1930 formulierte er in der Zeitschrift AC die Kernideen dieser Kunst: „Konkrete Malerei, nicht abstrakte, weil nichts konkreter, nichts wirklicher ist als eine Linie, eine Farbe, eine Fläche. Sind auf einer Leinwand eine Frau, ein Baum oder eine Kuh etwa konkrete Elemente? Nein. Eine Frau, ein Baum, eine Kuh sind konkret in der Natur, aber in der Malerei sind sie abstrakt, illusorisch, vage, spekulativ; eine Fläche hingegen ist eine Fläche, eine Linie eine Linie, nicht mehr und nicht weniger.“ Van Doesburg wollte neben die Naturwelt eine reine, selbständige Kunstwelt stellen. Hierin unterschiedet sich die Konkrete Kunst grundlegend von der abstrakten Kunst, die sich immer auf etwas zurückführen lässt, das auch tatsächlich existiert, wie Gegenstände, Landschaften oder Lebewesen.
Die künstlerischen Mittel der Konkreten Kunst sind zwar die gleichen wie die der herkömmlichen Malerei und Skulptur – also die Linie und die Fläche, die Farbe und das Licht, Volumen und Masse, Struktur und Komposition. Doch dienen diese Mittel den Konkreten Künstlern nicht zur Abbildung von Menschen und Landschaften, sie möchten uns keine Geschichten erzählen. Vielmehr isolieren sie ihre künstlerischen Mittel und untersuchen deren Wirkung und Beziehungen zueinander. Die Konkreten Künstler bilden keine Realität ab, sondern schaffen eine neue, eine künstlerische Realität.
Insbesondere in der Anfangsphase der Konkreten Kunst lassen sich die Künstler dabei immer auch von dem Traum beflügeln, zu einer universalen Sprache der Kunst zu gelangen. Sie begreifen ihre Arbeiten als konkrete Umsetzung einer Idee und somit als bildliche Analogien zum Geist und zum Denken. Das Werk kann im Verzicht auf gegenständliche Motive und künstlerische Traditionen auch über kulturelle Grenzen hinweg allgemeine Gültigkeit erlangen und von jedermann verstanden werden.
Im Laufe der Jahrzehnte hat die Konkrete Kunst diese Ideen immer weiter ausdifferenziert. Sie hat sich in verschiedene Strömungen aufgeteilt wie die Op Art, die Kinetische oder Systemische Kunst, die Radikale Malerei oder die Minimal Art in Amerika. Im Museum für Konkrete Kunst sind wesentliche Positionen dieser Kunstrichtung vertreten. Daneben werden auch Arbeiten jüngerer Künstler und aktuelle Positionen vorgestellt.
Zwei der bedeutendsten Theoretiker der Konkreten Kunst sind Theo van Doesburg und Max Bill, deren Texte im folgenden in Auszügen vorgestellt werden:
Theo van Doesburg
Die Grundlage der konkreten Malerei
Wir sagen:
1. Kunst ist universell.
2. Das Kunstwerk muss vor seiner Ausführung vollständig im Geist entworfen und ausgestaltet worden sein. Von der Natur, von Sinnlichkeit oder Gefühl vorgegebene Formen darf es nicht enthalten. Lyrik, Dramatik, Symbolismus usw. sind zu vermeiden
3. Das Gemälde muss ausschließlich aus rein bildnerischen Elementen konstruiert werden, d. h. aus Flächen und Farben. Ein Bildelement bedeutet nichts anderes als »sich selbst«, folglich bedeutet auch das Gemälde nichts anderes als »sich selbst«.
4. Die Konstruktion des Gemäldes und seiner Elemente muss einfach und visuell überprüfbar sein.
5. Die Technik muss mechanisch sein, d. h. exakt, anti-impressionistisch.
6. Streben nach absoluter Klarheit.
Carlsund, Doesburg, Hélion, Tutundjian, Wantz
Theo van Doesburg: Die Grundlage der konkreten Malerei, in: AC – Numéro d’Introduction du Groupe et de la Revue Concret, 1930.Theo van Doesburg
Kommentare zur Grundlage der konkreten Malerei
1. Konkrete Malerei, nicht abstrakte, weil wir die Zeit des Suchens und der spekulativen Experimente hinter uns gelassen haben.
Auf der Suche nach Reinheit waren die Künstler gezwungen, die natürlichen Formen, die die bildnerischen Elemente verdeckten, zu abstrahieren, die Naturformen zu zerstören und sie durch Kunstformen zu ersetzen.
Heute ist die Idee der Kunstform ebenso überholt wie die der Naturform. Mit unserer Konstruktion der geistigen Form hebt die Epoche der reinen Malerei an. Sie ist die Konkretisierung des schöpferischen Geistes. Konkrete Malerei, nicht abstrakte, weil nichts konkreter, nichts wirklicher ist als eine Linie, eine Farbe, eine Fläche.
Sind auf einer Leinwand eine Frau, ein Baum oder eine Kuh etwa konkrete Elemente? Nein.
Eine Frau, ein Baum und eine Kuh sind konkret in der Natur, aber in der Malerei sind sie abstrakt, illusorisch, vage, spekulativ; eine Fläche hingegen ist eine Fläche, eine Linie eine Linie, nicht mehr und nicht weniger.
Konkrete Malerei. – Der Geist hat den Zustand der Reife erreicht. Er benötigt klare intellektuelle Mittel, um sich in konkreter Weise zu manifestieren.
Die Vorherrschaft des Individualismus und des örtlich beschränkten Geistes waren stets die großen Hindernisse auf dem Weg zu einer universellen Kunst. Sobald die Ausdrucksmittel von allen Besonderheiten befreit worden sind, haben sie die Übereinstimmung mit dem eigentlichen Ziel der Kunst erreicht: Eine universelle Sprache hervorzubringen.
2. Das Kunstwerk wird weder mit den Fingern noch mit den Nerven erschaffen. Die Erregung, das Gefühl, die sinnliche Empfindsamkeit haben die Vervollkommnung der Kunst niemals befördert. Nur der Verstand (Intellekt), dessen Geschwindigkeit noch höher ist als die des Lichts, erschafft. Lyrik, Dramatik, Symbolismus, Empfindsamkeit, Unbewusstes, Traum, Inspiration usw. sind nur ein minderwertiger Ersatz für das schöpferische Denken. In allen Bereichen menschlichen Handelns hat immer nur der Intellekt gezählt. Die Entwicklung der Malerei ist nichts anderes als die intellektuelle Suche nach der Wahrheit durch die Kultur des Visuellen.
Jenseits dessen, was der Verstand erschafft, gibt es nur Barock, Fauvismus, Animalismus, Sensualismus, Sentimentalismus und jenes hyperbarocke Eingeständnis der Schwäche: Phantasie.
Das anbrechende Zeitalter ist hingegen das Zeitalter der Gewissheit und daher der Perfektion. Alles ist messbar, selbst der Geist mit seinen 199 Dimensionen. Wir sind Maler, die denken und messen.
3. In der Malerei ist nichts wahr außer der Farbe. Die Farbe ist eine konstante Energie, sie bestimmt sich durch den Gegensatz zu einer anderen Farbe. Die Farbe ist die Grundsubstanz der Malerei; sie bedeutet nichts als sich selbst. Die Malerei ist ein Mittel, um Gedanken visuell zu verwirklichen: Jedes Bild ist ein Farbgedanke.
4. Die Konstruktion, die in Beziehung zur eigentlichen Bildfläche oder zu dem von den Farben geschaffenen Raum steht, kann vom Auge kontrolliert werden. Die Konstruktion unterscheidet sich grundsätzlich vom Arrangement (Dekoration) und von der geschmacksmäßigen Komposition. Die meisten Maler arbeiten wie Zuckerbäcker oder Putzmacher. Wir dagegen arbeiten auf der Grundlage von (euklidischer und nichteuklidischer) Mathematik und Wissenschaft, d. h. mit intellektuellen Mitteln.
5. Vor seiner materialen Verwirklichung existiert das Kunstwerk bereits vollständig im Geist. Folglich muss sie eine technische Perfektion aufweisen, die der Perfektion des geistigen Entwurfs entspricht. Sie darf keine Spur menschlicher Schwäche zeigen: kein Zittern, keine Ungenauigkeit, keine Unschlüssigkeit, keine unvollendeten Partien usw. Mit dem Humanismus sind in der Kunst zahllose Dummheiten gerechtfertigt worden. Wenn man eine gerade Linie nicht mit der Hand zeichnen kann, nimmt man dazu ein Lineal. Schreibmaschinenschrift ist klarer, lesbarer und schöner als Handschrift. Wir wollen keine künstlerische Handschrift. Wenn man einen Kreis nicht mit der Hand zeichnen kann, nimmt man dazu einen Zirkel. Alle vom Intellekt zum Zwecke der Perfektion erfundenen Hilfsmittel werden empfohlen.
6. Das so konzipierte Kunstwerk verwirklicht die Klarheit, die die Grundlage einer neuen Kultur sein wird.
Kommentare zur Grundlage der konkreten Malerei, in: AC – Numéro d’Introduction du Groupe et de la Revue Concret, 1930. (Der Text ist nicht unterzeichnet, er wird Theo van Doesburg zugeschrieben).Max Bill
konkrete kunst
konkrete kunst nennen wir jene kunstwerke, die auf grund ihrer ureigenen mittel und gesetzmässigkeiten – ohne äusserliche anlehnung an naturerscheinungen oder deren transformierung, also nicht durch abstraktion – entstanden sind.
konkrete kunst ist in ihrer eigenart selbständig. sie ist der ausdruck des menschlichen geistes, für den menschlichen geist bestimmt, und sie sei von jener schärfe, eindeutigkeit und vollkommenheit, wie dies von werken des menschlichen geistes erwartet werden muss.
konkrete malerei und plastik ist die gestaltung von optisch wahrnehmbarem. ihre gestaltungsmittel sind die farben, der raum, das licht und die bewegung. durch die formung dieser elemente entstehen neue realitäten. vorher nur in der vorstellung bestehende abstrakte ideen werden in konkreter form sichtbar gemacht.
konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem mass und gesetz. sie ordnet systeme und gibt mit künstlerischen mitteln diesen ordnungen das leben. sie ist real und geistig, unnaturalistisch und dennoch naturnah. sie erstrebt das universelle und pflegt dennoch das einmalige, sie drängt das individualistische zurück, zu gunsten des individuums.
Max Bill: konkrete kunst, in: Ausstellungskatalog zürcher konkrete kunst, 1949.


